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Okay, keine Eisdielen und Biergärten – aber dafür habe ich gestern entdeckt, dass es Cocktails in Tüten gibt! Die werden wie Beutelsuppen angerührt: Eine Flasche Rum in einen weiten Topf geben, Fertigmischung dazu, umrühren, mit Schirmchen garnieren, fertig! Schmeckt gar nicht übel und man kann auch aus verschiedenen Geschmacksrichtungen wählen. Gestern war Dinnerparty bei Whitney aus New Orleans angesagt – deswegen gab’s passend dazu Hurricane.
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Man gewöhnt sich an so Einiges: An Mädchen, die alle gleich aussehen und auch bei zehn Grad im Strandoutfit herumlaufen (so warm ist es hier nämlich gerade). An Busse, die kommen, wann sie Lust haben. An permanent schlechtes Wetter. Das man hier nirgendwo mehr rauchen darf seit dem 2. April. Aber nicht daran, dass es in Großbritannien erstens keine Eisdielen, und zweitens keine Biergärten gibt. Eis am Stiel und in der Familienpackung gibt es im Supermarkt. Das war’s dann aber schon. Selbst meine deutschen Freunde von Lidl haben mich schwer enttäuscht: Kein Spaghetti-Eis weit und breit. Die Briten hier glauben mir kein Wort, wenn ich sage, dass man in Deutschland Eis kaufen kann, dass aussieht wie ein Teller Nudeln. Oder wahlweise auch Pizza. Und dass man es draußen essen kann, in netten Cafés mit vielen Italienern und dass man Bier unter Bäumen trinken kann. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit einer Packung Vanilleeis mit Smarties und einem Dosenbier in den Park zu setzen, ein trauriges Pennerbild abzugeben und zu hoffen, dass es nicht gleich anfängt zu regnen.
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War ja irgendwie klar, dass ich nicht schweigen kann, wenn die Frage aufkommt, wer denn den Ball organisieren will. Eine Stimme in meinem Kopf schreit: „Nein, dieses Mal nicht!“ Aber eine andere schreit lauter. Nämlich die, die auf einen tollen, glamourösen Studien-Abschluss mit Kleidchen, Blümchen, Band und viel Sekt besteht. Also gehöre ich auch dieses Mal zum Ball und Black Tie Dinner Organisations-Team. Und wir haben nicht viel Zeit: Am 11. Mai, dem letzten Vorlesungstag, feiern alle IPR-Studenten (plus Gäste und halbe Fakultät) vorerst das letzte Mal offiziell zusammen. Bis die richtige Graduationsfeier mit Roben und Hütchen werfen ansteht, vergeht nämlich noch etwa ein Dreivierteljahr. Also feiern wir noch einmal zusammen, bevor jeder im Dissertationsstress gar nicht nicht vor die Tür geht. Die Location steht schon fest: Das Millenium Stadium am River Taff mitten in Cardiff, siehe Bildchen rechts. Und siehe da, der Dresscode auch – und der lautet für die Herren mindestens Anzug, besser noch Smoking. Das ist hier keine Besonderheit und in den Schlips prügeln müssen wir die Jungs auch nicht (sind ja auch nicht so viele). Das ist ja schon mal ein guter Anfang. Trotzdem läuft gerade irgendwie alles genau wie vor einem Jahr – nur im Fast-Forward-Modus.
…sieht im Moment genau so aus. Morgen geht die Uni wieder los und natürlich habe ich nicht halb so viel geschafft, wie ich mir vor drei Wochen vorgenommen habe. Bestimmt die Hälfte der Zeit habe ich damit verbracht, auf ein leeres Word-Dokument zu glotzen und alle zwei Minuten meine Mails zu checken. Irgendwann freut man sich sogar über Werbemails von Amazon oder dem Otto Katalog. Schade übrigens, in der längeren Animation kriegt sie ab und zu noch einen kleinen Anfall und haut auf ihrem Computer rum – das müsst Ihr Euch also einfach dazu denken ;o)
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Wie lautet eigentlich die richtige Antwort auf diese Frage, wenn es denn überhaupt eine ist? Ich betrete also einen kleinen Laden, der so ziemlich alles verkauft. Ich will Briefmarken und an der Kasse werde ich begrüßt mit „Heyarightluv?“. Übersetzt: „Hey, are you alright, my love?“. Das bedeutet so viel wie: „Guten Tag, geht Es Ihnen gut, meine Liebe?“. Vielleicht heißt es auch so etwas wie „Kann ich Ihnen helfen?“, „Hey, wie geht’s?“ oder aber „Mmpf?“. Eigentlich gibt es keine Antwort auf diese Frage, denn eigentlich will hier keiner wissen, wie es einem geht, auch wenn er fragt. Sage ich also „Mir geht es gut und ich will Briefmarken“ oder „Nein, nichts ist in Ordnung, denn ich habe keine Briefmarken (und will also welche kaufen)“ oder frage zurück, wie es geht, obwohl ich es nicht wissen will, sondern einfach Briefmarken brauche. Oder ignoriere ich die Frage, denn die Liebe eines Verkäufers oder einer Verkäuferin bin ich eh nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden. Meistens bin ich irritiert und stottere irgendetwas von „Äh, ja, nein. Danke, Briefmarken bitte“. Außerdem wurde ich heute das erste Mal nach meinem Ausweis gefragt, als ich eine Flasche Cider kaufen wollte. Da hab ich gemerkt, dass man die Fragen von Gemischtwarenladenverkäufern sowieso nicht ernst nehmen kann.

Die kostenlose Tabloid-Zeitung thelondonpaper hat am Donnerstag eine kleine Umfrage unter Londonern veröffentlicht: Ist London eigentlich zu überfüllt? Ein Herr X aus X sagte, London sei so anonym und überladen mit Menschen, er habe ja noch nicht mal seine Nachbarn gesehen – und dass, obwohl er schon fünf Jahre am selben Fleck wohne. Das glaube ich aufs Wort. Mein erster Interviewpartner David ist Amerikaner und sagte, er sehne sich schon fast nach dem vergleichbar menschenleeren New York zurück. Ich habe mich zwei Tage mit, durch und gegen die Menschenmassen geschoben. Auch zu Stoßzeiten wie morgens zwischen Acht und Neun. Das macht vor allem dann Spaß, wenn man mit Zehntausend anderen Pendlern in einem Tunnel feststeckt und dann auch noch die Victoria Linie ausfällt.
Laut David konnte ich mich auch nur halbwegs frei über den Covent Market bewegen, weil gerade Osterferien und deshalb nicht so viele Leute unterwegs sind. Das habe ich auch direkt nach dem ersten Interview getan, denn die Agentur ist direkt ums Eck. Zu bewundern gab’s vor allem eine Punk-Geiger-Combo, die Opernhighlights gespielt hat. Außerdem habe ich herausgefunden, dass man sich am besten von Ruhepol zu Ruhepol kämpft – welche in diesem Fall Männer sind, die recht bewegungslos überall da herumstehen, wo Menschen sind, und Werbeschilder halten. Und von denen gibt es definitiv eine Menge in London.
Da ich am Donnerstag nach dem zweiten Interview noch Zeit totzuschlagen hatte, bin ich auch noch einmal zum Buckingham Palace gewandert, nachdem in der Speaker’s Corner im Hyde Park keiner Reden schwingen wollte und das Sitzen auf Klappstühlen Geld kostet. Der Palast hat mich eigentlich nur an einen Zoo erinnert und genauer gesagt an den Berliner Zoo – jedenfalls nach all den Knut-Bildern zufolge, die selbst hier über alle Bildschirme flimmern. Hunderte Menschen, die sich ans Gitter drücken, Fotos machen und verzückt schreien: „Sieh mal Mama, er bewegt sich!“ Nur leider kein Knut, sondern bloß zwei einsame Wächter, die verdächtig schwanken, wahrscheinlich dem Kreislaufkollaps nahe.
Schön eigentlich, wieder daheim auf dem Land zu sein. In Cardiff und Wales – einem Land, dass nicht mal halb so viele Einwohner hat wie die Stadt London.
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Das griechische Drittel unserer Wohnung ist über Ostern ausgeflogen, also sind nur noch vier Länder vertreten: Indien, China, England und Deutschland. Die nicht-christliche Hälfte allerdings kann mit Ostern noch weniger anfangen als ich und in China ist Religion ja sowieso verboten. Trotzdem hatten wir heute einen gemeinsamen Oster-Lunch mit indischem und chinesischen Essen – und britischem Erdbeerkuchen zum Nachtisch (Deutschland kann nicht kochen und hat dehalb abgewaschen). Fleur hat die biblische Ostergeschichte für Anfänger erklärt, ich habe ein bisschen gegen die Kirche gewettert und zum Schluss waren alle verwirrter als vorher. Dafür wurde ich zur indischen Hochzeit von Manasi eingeladen. Also muss ich für 2008 nicht nur auf ein Flugticket nach Bombay sparen, sondern auch auf einen Hochzeits-Sari ;o)
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Zu Weihnachten setzen sich die Briten Rentiergeweihe und Papierkronen auf, zu Ostern bastelt man sich möglichst plüschige und kitschige Kopfbedeckungen. Das wird dann bei einer Easter Bonnet Parade – also einer Osterhut-Party – gefeiert. Und genau das haben wir zum Semesterabschluss getan. Hauptsache, man sieht ansatzweise wie ein Huhn oder ein Hase aus – und ich habe mich für Letzteres entschieden. Aber auch nur, weil ich keine Möwe fangen konnte, um sie als Huhn-Hut zu verwerten.
Das zweite Semester ist also auch geschafft, wobei die Oster“ferien“ von vier Hausarbeiten getrübt werden und natürlich dem ersten Teil der Dissertation, der auch Anfang Mai fertig sein muss. Ostereier anmalen und Frühlingwetter genießen ist also nicht. Nächste Woche geht’s für ein paar Tage nach London – eigentlich für zwei Interviews für meine Arbeit, aber vielleicht auch ein bisschen Freizeit. Deutschland steht leider erst mal nicht auf dem Plan, deswegen kommen meine Ostergrüße direkt von der Insel: Pasg Hapus! Und hier noch ein weiterer nützlicher Satz auf walisisch, jedenfalls für die Mädels: Bydd y dyn ma yn talu am popeth! (Der Herr zahlt alles!)

Tag Eins: Noch ein paar Stunden bis der Bus von Cardiff zum Bristol Airport abfährt. Beim Packen fällt mir auf, dass meine einzige schwarze Hose hier von Orsay ist (und auch so aussieht) und ich auch keine Bluse für unter meinen Blazer habe. In gammeligen Jeans kann ich da ja nicht auftauchen, vielleicht bietet man mir in Brüssel ja die Weltherrschaft an! Die Mission: Finde ein Brüssel-taugliches Outfit in zwei Stunden und sehe auch danach noch professionell-entspannt aus. Nach eben jener Zeit habe ich tatsächlich eine neue Hose gefunden – nur um daheim festzustellen, dass sie echt blöd aussieht, ich sie wieder in die Tüte stopfe, die alte in zwei Minuten auf dem Küchentisch bügle und doch mitnehme. Als ich am Treffpunkt ankomme, bin ich nicht entspannt, bemühe mich aber, professionell auszusehen.
Nach Busfahrt nach Bristol und Flug nach Brüssel stellen wir fest, dass wir auf dem Weg zwischen Gepäckband und Parkhaus den ersten Journalisten verloren haben. Macht nichts, geht trotzdem weiter. Die echten Journalisten sehen neben den Studenten übrigens gammelig aus – wir tragen Anzug und Kostümchen, sie Jeans und Pulli. Im Holiday Inn checken wir ein und ich stelle fest, dass das Bad meines Zimmers etwa so groß ist, wie mein ganzes Zimmer in Cardiff. Außerdem Badewanne, deutsches Fernsehen und großes Bett. Hier bleibe ich!
Tag Zwei: Nach einer kurzen Nacht und um die Erfahrung reicher, dass neunprozentiges belgisches Bier nicht so der Renner ist, geht’s um Acht Uhr morgens los. Immer der Hostess mit der erhobenen walisischen Flagge hinterher. Sicherheitskontrolle im Kongresszentrum der European Commission: Ausweis zeigen, röntgen lassen, Gürtel aus, Plakette anpinnen und immer sichtbar tragen. Bis zum Nachmittag gibt’s Seminare, Diskussionen und Vorträge zur Erweiterung, EU-Handelsbeziehungen, internen und externen Beziehungen. Dazwischen Dinner im Crowne Plaza, noch mehr Wein und belgisches Bier zum Mittagessen und Reden über die Wichtigkeit einer EU-Verfassung während des Schokomousse-Desserts.
Dann machen wir einen Verdauungsspaziergang zum Europäischen Parlament. Ich versuche, Schritt zu halten und gleichzeitig Fotos zu machen. Gerade schaffe ich es noch durch die nächste Sicherheitskontrolle. Der Pressechef des Parlaments führt uns durch das Labyrinth von Gängen, Sälen, Türen und Aufzügen, die nur mit Sicherheitscodes bedient werden und deshalb keine Knöpfe haben. Ich will nur noch schnell ein Foto machen, da drüben, ums Eck – und drehe mich um, die Gruppe ist verschwunden. Klasse! Ich renne zehn Minuten im Kreis – nichts. Männer in Schwarz kreisen mich unauffällig ein. Ich versuche, in gebrochenem Französisch die Security davon zu überzeugen, dass ich nicht die Absicht habe, irgendetwas in die Luft zu sprengen. Ich kann nicht so recht überzeugen. Doch zum Glück findet mich die Hostess, bevor ich verhaftet werde. Sie führt mich auch die pittoreske Route zum nächsten Treffpunkt, so dass ich doch noch Fotos machen kann.
Etwas verspätet komme ich doch noch zur Plauderrunde mit einigen Abgeordneten und schwätze dem Pressechef sein Kärtchen ab. Dann der walisischen Fahne hinterher, durch die Kontrollen und zum europäischen Wales Haus. Empfang mit Häppchen, mehr Wein, walisischer Kunst und mehr EU-Mitarbeitern. Mittlerweile ist es Acht Uhr abends und meine Füße fühlen sich ziemlich tot an. Der Kellner schenkt nach. Immer doch, vielleicht werden die Ölbilder dann auch attraktiver.
Tag Drei: Acht Uhr, Abfahrt zur Kommission. Kontrollen, Gürtel und Schuhe aus, neue Plaketten und Security, die verdächtig auf meine Kamera starrt. Die gebe ich nicht her und mache ganz schnell, dass ich wegkomme. Seminare mit Barrosos Pressesprecher und anderen Mitarbeitern des Directorate General Communication. Und dann sehen wir auch noch Kommissionspräsident José Manuel Barroso selbst – im Gespräch mit dem Regierungschef von Bosnien-Herzegowina. Barroso ist an diesem Tag äußerst beschäftigt und hat leider keine Zeit, Pressefragen zu beantworten – dafür sorgen seine zehn Bodyguards. Zufall…war da nicht ein kleines EU-Skandälchen einen Tag zuvor?
Um 12 Uhr die tägliche, internationale Pressekonferenz – wahlweise auch in Suomi anzuhören. Danach befragt mich eine griechische Zeitung zur Zukunft Europas. Eigentlich bin ich nur zehn Minuten den grafisch super designten, aber nutzlosen Toilettenschildern gefolgt und dann in einer Sackgasse gelandet. Da stand auch die griechische Presse. Dann ins Charlemagne-Gebäude zum Mittagessen – und finalem Programmpunkt: Ziegenkäsehäppchen und Sekt. Den freien Nachmittag verbringe ich mit Schokolade und Zigaretten Kaufen. Und Kaffeetrinken am Grand Place. Meine Beine und mein Rücken wollen wirklich nicht mehr. Dafür hat jetzt das Euro-Fieber von mir Besitz ergriffen: Ich will unbedingt für die EU arbeiten.





