
Nein, diese schönen Bilder stammen natürlich nicht aus England, sondern aus der Schweiz. Gestern war ich zum ersten Mal in Genf – eigentlich für eine Konferenz, aber ich hatte zum Glück auch noch zwei Stündchen Zeit, mir bei schönstem Frühlingswetter ein bisschen die Stadt anzuschauen. Das hat mich dann auch entschädigt für die nervige Hin- und Herreiserei über London Luton. Irgendwie kam ich mir wieder vor, wie in der Zivilisation. Nicht so viele gestresste Menschen, Busse, die tatsächlich auf einen warten, wenn man angerannt kommt, eine Altstadt, nette Parks, die Berge im Hintergrund, Kunst überall, Bootchen und natürlich der schöne Genfer See. Auch klasse: Man darf überall rauchen. „Tja, wir sind halt nicht Europa“, sagte dazu der nette Hotelier an der Rezeption des Intercontinental Hotels. Da hängen angeblich auch alle wichtigen Diplomaten ab, und abends soll das Ganze der Barszene aus Star Wars gleichen, wurde mir gesagt. Ich habe nur einen Scheich getroffen, der mir – wenn ich schon nicht nach Dubai ziehen wollte – ein Luxusapartment in London für eine Million Pfund andrehen wollte. Um es weiter zu verkaufen natürlich, denn Immobilien sind ja die Zukunft. Klingt gut, habe ich gesagt, ich überleg mir das nochmal.
Das erlebe ich immer und immer wieder, diesmal am Freitag während eines Arztbesuches in Deutschland: „Wo arbeiten Sie denn?“ – „In London.“ – „Oh, wirklich? Das ist ja fantastisch, wie beneidenswert!“ – „Nein, eigentlich ist das katastrophal.“ Und wieder hole ich aus und erzähle, dass ein Wochenende in London sicher ganz nett sei, aber dort zu leben, mehr an ein kontinuierliches Desaster grenzt. Glaubt mir nur keiner. Nur die Süddeutsche. Heute habe ich im Flieger von Frankfurt nach London die Reportage auf Seite Drei gelesen. „Mr. Strike geht arbeiten“ heißt die Geschichte und handelt davon, wie ein führender Postangestellter sich jeden Tag durch die Stadt quält. Von dem vielfältigen Kulturangebot, den tollen Kneipen, dem Nachtleben und sonstigen Dingen, die da ständig angepriesen werden, bekommt er wenig mit. Das kann er sich nämlich nicht leisten. Oder verpasst es, weil die Züge einmal wieder streiken und alles zusammenbricht. „Ich bin wegen der Arbeit gekommen, nicht wegen der Lebensqualität. Wenn mir jemand eine vergleichbare Arbeit anderswo böte, auch wenn sie nicht so gut bezahlt ist – ich wäre morgen weg“, sagt Mr. Strike. „Großbritanniens Metropole gibt sich hip und schick, schillernd und reich, doch für die meisten Bewohner ist sie tagtäglich eine einzige Zumutung“, schreibt die Süddeutsche. Und ich könnte nur vor Freude schreien: Danke!
Gespeichert unter: Leben, London, Studieren | Schlagworte: Graduation Ceremony, London
So ein tolles Schild wie früher an meiner Wohnungstür habe ich hier leider nicht, aber das könnte ich schon bald brauchen. Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass doch Premierminister Gordon Brown auf die klasse Idee gekommen ist, mitten in London ein Forschungslabor für hoch ansteckende Krankheiten und Seuchen bauen zu lassen – zum Beispiel für Vogelgrippe, Ebola, Tollwut und Milzbrand. Das soll dann in bester Lage zwischen Camden und einem der Hauptbahnhöfe, King’s Cross, stehen. Wie praktisch, dann müssen Terroristen nur das Häuschen oder wahlweise den Bahnhof in die Luft jagen, um binnen 42 Stunden nicht nur neun Millionen Londoner, sondern wahrscheinlich auch gleich die ganze Inselbevölkerung auszurotten. Manchmal frage ich mich echt, wie es die Briten zu einer Weltmacht gebracht haben.
Ansonsten versuche ich gerade, mit meinem iPod-Kabel meinen Kopfumfang auszumessen (klappt nicht, muss ich doch ein Maßband kaufen), um meine Garderobe für die Abschlusszeremonie zu bestellen. Leihgebühr für einen Tag: 60 Euro. Aber dafür so richtig kitschig, mit Umhang, Kapuze und Hut mit Bommel dran. Den kann ich dann in die Luft werfen, wenn ich Mitte Juli mein Zeugnis in Cardiff bekomme. Wenn ich bis dahin die ganzen walisischen Unterlagen ausgefüllt bekommen habe, sämtliche Bestätigungen unterschrieben habe, dass die Uni meinen Namen öffentlich nennen und die Zeremonie per Webcast streamen darf. Und wenn ich bis dahin kein Maßband gekauft hab, komme ich ohnehin nicht rein: Ohne passendes Outfit kein Einlass. Und wenn ich aus Versehen die falsche Bändelfarbe bestellt habe, auch nicht (jeder akademische Grad hat seine eigenen Farben). Und da beschwer sich noch mal jemand bei mir, wenn er am Abschlussball einen Schlips tragen muss.

Ich wollte einen Stachel in meinem Ohr. Genau, einen großen, spitzen aus Metall, der dann ab und zu unter den Haaren hervorschaut. Das Loch oben im Ohr habe ich ja schon lange, aber die fixe Idee mit dem Stachel kam mir letztens in der U-Bahn, als ich jemandem mit einem tollen geschwungenen Einhornstachel im Ohr gesehen habe. Und vielleicht auch, um mich ein bisschen von dem Kragenträger-Image (hier „Collar“ genannt) abzugrenzen. Klasse Idee, mal sehen, wann jemand im Büro anfängt zu schimpfen. Dachte ich mir, und habe mich auf die Suche nach einem passendem Ohrring in Camden gemacht. Die hübschen Dinger aus den Tattoo- und Piercing-Studios haben alle nicht gepasst, und als mir der Verkäufer anbot, „es passend zu machen“ (mein Ohr, nicht den Ring), habe ich doch dankend abgelehnt. In einem Tribal-Schmuckladen habe ich dann das obige Exemplar aus Holz gekauft, auch weil es mir weniger gefährlich erschien. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass es total bescheuert aussieht und ich mir den Stachel beim Schlafen jedesmal selbst in den Kopf ramme. Gut, war ein Versuch.
Die vier schwarz-weißen Knaben, auf denen mein neuer Ohrring liegt, sind übrigens das, was der Kultur-Spiegel als Stereotypen der Jugendkultur-Stile Emo, Punk, HipHopper und Rocker (von rechts) bezeichnet. Dem Raver habe ich leider den Kopf abgeschnitten, aber von denen gibt’s ja eh nicht mehr so viele. Und spaßeshalber habe ich am Bahnhof einfach mal zehn Minuten Leute im Vorbeigehen beobachtet und versucht, sie in diese Schubladen zu stecken. Ist jeder mit lustigem Pony im Gesicht und Hello Kitty-Anstecker schon ein Emo? Oder muss man dazu, wie der Spiegel sagt, auch Jimmy Eat World hören? Dann wäre ich auch ein Emo. Ist jeder mit Lederjacke ein Rocker? Dann wäre ich auch ein Rocker. Wenn er Megadeth-Aufnäher trägt, ist er doch eher ein Metalhead. Hey, ich habe mit der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Metal Hammer“ erstklassige Iron Maiden-Sticker bekommen. Was ist mit den ganzen coolen Zerissenen, das ist doch eher Grunge. Und die ganzen dürren Londonder Jungs in Röhrenjeans, Chucks und Schlips, die ich einfach Britpopper nenne? Und die, die absolut Null Stil haben? Von denen gibt’s nämlich eine Menge. Die kommen beim Spiegel gar nicht vor. Aber meine Freunde aus dem Feuilleton müssen’s doch wissen! Trotzdem hab ich irgendwann aufgegeben, mich mit Jugendkultur und Mode zu beschäftigen: „Soll doch jeder rumlaufen, wie er will!“ Und meinen tollen, ultra unkonventionellen Stachel hab ich auch wieder rausgenommen. So schnell kann sie rum sein, die große Stil-Rebellion.
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So, der Header mit dem Touri-Underground-Schild ging mir schon so lange auf den Keks – fehlte ja nur nur noch ein T-Shirt mit dem Aufdruck „I love London“ oder ein Slip mit der Aufschrift „Mind the Gap“. Deswegen trifft es sich gut, dass ich gestern mit Taz in Angel, Nord-West London, auf einem Konzert war und mal wieder ein paar Fotos machen konnte. Wieder haben wir uns Runner angehört, die Band von Taz’ Bekanntem Rob. Die nehmen gerade ihre erstes professionelles Album auf und sind ganz glücklich, dass sie den The Editors-Produzenten für sich gewonnen haben. Runner klingt nach London-Underground-Indierock (was so ziemlich alles heißen kann), aber hat auch etwas von der musikalischen Energie von Muse, die einen beim Hören immer etwas beklemmt fühlen lässt – ziemlich gut! Außerdem haben noch zwei andere Gruppen gespielt, eine davon war die solide und Gute-Laune-Rockband Mitch. Von denen habe ich sogar eine CD für zwei Pfund gekauft. Den Namen der ersten Band habe ich schon wieder vergessen, aber die waren ohnehin gruselig. Haben zum Schluss ihre jammernden Gitarren und den Bass auf den Boden gelegt, sind von der Bühne gegangen und fanden den Krach unheimlich cool. Nur keiner sonst.
Außerdem war ich ein bisschen fies gestern – natürlich nur der Gerechtkeit willen. Schon den ganzen Abend haben uns diese zwei sternhagelvollen Britchicks direkt vor uns genervt und ich habe nur darauf gewartet, dass sie mir ihre Drinks überschütten. Dann habe ich in der Pause gesehen, wie die eine ein Mikrofon von der Bühne klaut und in ihre glitzernde Minihandtasche steckt (und noch ihren Wodka-Redbull halb darüber verteilt). Ich wollte ja fair sein und ihr die Gelegenheit geben, das Teil zurückzulegen, also habe ich ihr gesagt, was ich gesehen habe, und dass sie das Mikrofon besser wieder auspackt, wenn sie nicht will, dass ich es den Veranstaltern stecke. Sie hat mich bloß blöd angemacht und gesagt, sie wüsste nicht, wovon ich rede. Gut, dann wurden sie eben schlussendlich von der Security gefilzt, erwischt und zufallig hat die eine Volleule auch noch ihre Kreditkarte verloren. So ein Pech. Wir haben uns gefreut und hatten den restlichen Abend unsere Ruhe.
Gerade habe ich im aktuellen Newsletter des Online-Scherzartikelladens Racheshop gelesen, dass es den Bürgern der britischen Stadt York immer noch erlaubt ist, nach Sonnenuntergang und innerhalb der Stadtmauern einen Schotten mit Pfeil und Bogen zu erschießen. Naja, für London gilt das wohl nicht und außerdem habe ich hier ohnehin erst sehr wenige Schotten getroffen. Letztens eine Irin, die ich fälschlicherweise für eine Schottin gehalten habe – besser jedenfalls, als sie für eine Engländerin zu halten, besonders für die geschäftliche Beziehung. Aber ich bin ja auch Ausländerin, das wird einem hier nicht so übel genommen.
Und weil ich ja sonst nicht so viel Gutes über das Inselvölkchen verliere, ist hier zur Abwechslung mal ein kleines Stück intelligente britische (Musik-) Kultur von Dan Le Sac vs. Scoobius Pip „Thou Shalt Always Kill“, ein Satz neuer Gebote für den hippen Underground-Briten:
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… solang man nicht nach London, durch London oder aus London weg will. Das ist ja nichts Neues, aber nun kommt es noch schlimmer. Das neue Heathrow Terminal 5 ist gerade eine knappe Woche alt und schon ist es zum Gespött der Leute und zum Inbegriff der britischen Unfähigkeit geworden. Habe ich letzte Woche bloß kurz erwähnt, dass ich von Terminal 5 aus nach Berlin fliege (denn von dort muss man wohl oder übel starten wenn man mit British Airways fliegt), wurde ich schon mitleidig belächelt. Und ausgelacht, als ich sagte, dass ich auch Gepäck einchecken will. Oder mit panischen Anrufen aus Deutschland darauf hingewisen, dass ich doch umbuchen und lieber mit dem Schiff kommen soll. Ich habe mich also auf das Schlimmste eingestellt. Aber außer dass die British Airways-Mitarbeiter unfreundlich und die Maschine verspätet wie immer war, ist gar nichts passiert. Gut, ich musste ungefähr fünf Kilometer laufen und noch länger anstehen als sonst. Und aufpassen, dass ich nicht an jeder Ecke über planlose Leute mit „Can I help?“ T-Shirts stolpere. Außerdem ist die Flugstatus-Anzeige am Gate zwischendrin auf „Der Flieger ist schon weg“ umgesprungen, was zu einer kurzzeitigen Massenpanik geführt hat. Sonst war Terminal 5 allerdings recht unspektakulär. Da war es schon spannender, als ich heute auf dem Rückflug in Frankfurt aus der Security-Schlange rausgewunken worden bin, weil die Sicherheitsmänner dachten, ich hätte Sprengstoff in meinem Laptop versteckt. Nach „einigen Tests“ wurde allerdings ein Fehlalarm festgestellt. Naja, in der Vergangenheit wurde auch schon meine Playstation fälschlicherweise für einen Sprengsatz gehalten.
Da lobe ich mir doch den Flughafen Berlin Tegel. Dort war ich diese Woche zum ersten Mal und dachte, das muss ein Witz sein – unser Hauptstadt-Flughafen so groß wie der Toilettenbereich von Heathrow Terminal 5. Aber gerade deswegen sehr angenehm. Nur dass man sich bei Air Berlin die Plastiktüten für Flüssigkeiten für 50 Cent am Automaten kaufen muss, darauf war ich nicht vorbereitet. Deswegen durfte ich mich gleich nochmal ganz hinten anstellen. Mittlerweile kann ich sagen, dass mir die ganze Fliegerei ein bisschen lästig ist. Ich schaue noch nicht mal mehr aus dem Fenster, wenn die Maschine landet oder startet. Die obligatorische Sicherheitseinführung kann ich schon fast mitsprechen. Ihre widerwärtigen Papp-Sandwiches kann die BA auch behalten. Und jedes Mal wenn die Flugbegleiterin kommt und mich auffordert, meine PSP auszumachen und auch noch die Ohrstöpsel rauszunehmen, reagiere ich leicht gereizt. Bahn fahren kann doch so schön sein!
Gespeichert unter: Arbeiten, Leben, Medien | Schlagworte: Berlin, Blogging, Blogs, Kalkscheune, Konferenz, re:publica, re:publica08

Der erste Tag auf der Blogger-Konferenz re:publica in Berlin ist überstanden, meine Füße tun weh und mein Rücken noch mehr. Letzteres kommt von den gruseligen Holzstühlen, auf denen ich den ganzen Tag gesessen und mir Vorträge angehört habe. Etwa zu „Die Zukunft der Social Networks“, „Digitales Vergessen“ oder die Nutzerschaft des BILDblog. Besonders lustig: Auf der Leinwand hinter den Sprechern und Diskutanten wurden SMS der Gäste eingeblendet – als Live-Kommentarfunktion zum jeweiligen Vortrag. Und die wurde fleißig genutzt. Ob Kommentare wie „Kommt mal auf den Punkt! Das Gähnen im Saal ist bis nach Potsdam zu hören“ oder „Auf diesen Stühlen soll ich drei Tage lang hocken?!?“ oder „Wann kommt auch noch KatzenVZ?“ – allesamt waren jedenfalls sehr unterhaltsam. Außerdem habe ich einen Button mit einer verpixelten Riesenversion meines Twitter-Bildes bekommen, den ich mir an den Mantel geheftet habe. So konnte jeder sehen, dass ich einen Twitter-Account besitze und mir wiederum einen Sticker mit seinem Account aufkleben und damit mein „Follower“ werden. Hat aber niemand getan, also war diese Vernetzung leider nicht so erfolgreich. Vielleicht sah mein Bild zu furchterregend aus? Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag.




