Ich dachte ja, da hätte sich die Sun Tavern einen Spaß erlaubt, wenn sie die Iren gegen die Barbaren antreten lassen – aber es gibt tatsächlich einen Rugbyclub der „The Barbarians“ heißt. Die Sun Tavern ist übrigens einer meiner Stammpubs geworden, denn man kann ganz praktisch aus dem Büro über die Straße in die Kneipe stoplern. Ungefähr zwei Pubs weiter, im „Nag’s Head“, habe ich übrigens Pimm’s entdeckt – das typisch englische Sommergetränk. Pimm’s ist eine Art Kräuterlikör, den man als Longdrink mit Limo und frischem Obst trinkt. Macht aber nur Spaß, wenn man draußen sitzen kann – naja, eigentlich eher mit etwa 50 anderen Leuten vor dem Pub auf der Straße stehen, denn Biergärten gibt’s nicht. Da wird man dann ab und zu halt fast von einem Taxi oder einer Rikscha umgefahren, aber man entwickelt mit der Zeit eine Abgebrühtheit, ohne die man in dieser Stadt ohnehin nicht lange überlebt. Ich habe also den nächsten Level erreicht: Mich kann eigentlich nichts mehr erschrecken. Und wundern tut mich hier schon lange nichts mehr.
Es macht schon einen riesengroßen Unterschied, ob man im Sommer oder im Winter in London ist. Es gibt nichts Deprimierenderes als diese Stadt in trübem Winterwetter zu erleben, und es gibt nichts Schöneres als Sommer und Sonne in London. Gerade ist Whitneys Mutter zu Besuch, außerdem war ein Freund aus Cardiff übers Wochenende da – und plötzlich geht man jeden Tag aus, erkundet all die schönen Seiten Londons, oder verbringt den Tag in Covent Garden, um all die Busker zu sehen und zu hören. Meine Mitbewohnerin Anne-Marie – hier im Foto ganz links – gehört zu der überaus talentierten Geiger-Kombo, die dort mehrmals die Woche spielt. Natürlich haben wir all unser Kleingeld ins Körbchen geworfen, obwohl der Geld-Sammler James von uns gar nichts nehmen wollte – wir gehören ja mittlerweile zur Familie und deren CDs stapeln sich in unserem Wohnzimmer. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen werde: Leben in London ist schön – zumindest wenn es nicht regnet, man ein soziales Netzwerk aufgebaut hat und auch noch (so wie morgen) Feiertag ist.
NACHTRAG:
Und auf Nachfrage hier die Erklärung was ein Busker ist: Busker sind (zumindest in London) meist sehr talentierte Kleinkünstler, Artisten und Musiker, die auf der Straße für Ihre Darbietungen Geld sammeln. Covent Garden ist der bekannteste Ort für Busker. Heute war Anne-Marie, Mitglied der Busker-Gilde und damit Jury-Mitglied, zum Beispiel bei der Covent Garden Busker Audition, um neue Talente zu suchen. Denn nicht jeder darf sich einfach auf die Straße stellen und singen: Es gibt einen festgesetzten Qualitätsstandard, feste Zeiten, Gruppen und Orte, an denen man aufwarten darf. Wöchentlich werden die Schichten neu verteilt und besonders begehrt sind natürlich die Wochenenden und Nachmittage, wenn viele Touristen unterwegs sind.
Nein, ich oute mich hier eigentlich nicht als Nightwish-Fan – aber als ich bei YouTube zufällig über die neue Single „The Islander“ gstolpert bin, habe ich wieder gemerkt, dass diese Band irgendwie süchtig macht. Der Song ist nicht Nightwish-typisch, vielleicht ist er auch deswegen so schön. Das Video übrigens auch, diesmal glücklicherweise ohne Engel. Trotzdem machen sie damit sicher Tausende von Live-Rollenspielern glücklich.
Und jetzt schreibe ich schon wieder über Musik – aber das ist auch so ziemlich das Einzige, über was sich hier im Moment zu schreiben lohnt. Sonst hätte ich ja nur noch den Londoner Personennahverkehr oder das schlechte Wetter im Angebot. Jedenfalls war ich gestern mit meinen Mitbewohnerinnen im Club „Water Rats“ im Norden Londons, um den Headliner, unsere Haus- und Hofband Nemo, bei ihrem Gig anzufeuern. Wir waren also die geballte Fangemeinde aus dem Süden. Nord- und Südlondon ist etwa vergleichbar mit Offenbach und Frankfurt. Je nachdem wo man lebt, ist es viel besser als auf der anderen Seite. Und zum ersten Mal stand ich auf der VIP-Gästeliste, oho! Zudem war das Publikum war äußerst interessant. Hier ist so ziemlich alles aufeinandergeprallt, was es so gibt: Emos, Britpopper, Rocker, Goths und Britchicks. Alles und jeder total Indy, jaja. Bei einer Gestalt war ich mir allerdings nicht sicher, ob das Outfit nicht doch ein LARP-Kostüm ist. Ich glaube, er wollte Vampir sein – mit Hut, Samtmantel, Coyboystiefeln und einer dekorativen Frau im Schlepptau. Das wichtigste Accessoire war jedoch ein Gehstock mit Silberknauf. Ich wollte ihn erst fragen, was er mit seinem Bein gemacht hat – ich war davon überzeugt, dass er humpelt. Whitney machte mich dann aber darauf aufmerksam, dass das Ding wohl Teil des Outfits war, nur eben ein bisschen zu kurz geraten. Naja, der Gig war jedenfalls sehr gut und auch die Band die zuvor gespielt hat, Lot 55, war auch gar nicht übel. Die musikalische Nachwuchs in diesem Land ist übrigens fast immer wahnsinnig gut, vor allem live. Ich habe noch nie so viele tolle unbekannte Bands auf einem Haufen gesehen. Deswegen kaufe ich auch immer nach dem Konzert die CDs für zwei Pfund. Da freuen sich die Bands und man kommt auch immer nett ins Gespräch. Und hier ist noch eine kleine Hörprobe von der CD, die ich gestern gekauft hab – Lot 55 mit „Listen“:
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Die Leute in den Cafés haben sich bestimmt gedacht: „Warum zur Hölle fotografiert diese Irre schon seit zehn Minuten diese alte hässliche Telefonzelle direkt neben den Mülltonnen?“ Und ich dachte nur: „Diese Telefonzelle ist heilig!“ Bis ich zuhause gemerkt habe, dass es gar nicht die Original-Telefonzelle ist, weil die Abstände zwischen den Fensterchen nicht übereinstimmen. Aber egal, dann ist es eben eine Ziggy-Stardust-Gedächtnistelefonzelle. Sie steht dort ohnehin sicher nur für die Bowie-Pilger, ganz versteckt in der letzten Ecke der Heddon Street, einer Seitenstraße der Regent Street. Dort bin ich gestern auch hingepilgert, mit Stadt- und Lageplan, den Perspektiven des Ziggy Stardust-Covers im Kopf, „Moonage Daydream“ auf den Ohren und „I’m an alligator~~~“ singend. Bis ich dann gemerkt habe, dass ich in dieser blöden Ministraße schon zwei Mal war, unter anderem für die Absolut Ice Bar. Aber der Fan-Gedanke zählt ja schließlich und so habe ich auch mehr als fünf Euro für eine kleine Cola in der Bar bezahlt, die jetzt den Blick auf Hausnummer 23 versperrt – das Haus, vor dem das Coverfoto zu Ziggy Stardust entstanden ist.
Auf die Idee gekommen bin ich durch die neue Ausgabe der UNCUT, die ihre Titelgeschichte diesmal David Bowie und seinen 30 besten Songs widmet. Und außerdem eine gute CD begelegt hat: „Rebel Rebel – A Tribute to David Bowie“, mit elf durchaus gelungenen Coverversionen von Bowie-Songs. Keiner hat sich an Ziggy Stardust getraut, wundert mich nicht. Jedenfalls war ich davon so inspiriert, dass ich am Freitag auf der Arbeit im Aufzug den Text von „Cracked Actor“ vor mich hergesungen habe, ohne wirklich zu überlegen. Und gerade als ich bei der Zeile „Suck, baby, suck, give me your head“ angelangt war, ging die Aufzugtür auf. Die Leute draußen haben mich angeschaut wie einen Außerirdischen.
Gespeichert unter: Arbeiten, Leben, London | Schlagworte: Web Economy Bullshit Generator
Da haben wir schon einmal einen halben Tag Sonne hier in London, und schon hole ich mir einen Sonnenbrand! Und das nur weil ich an unserem heutigen Maifeiertag für ungefähr 20 Minuten draußen auf der Terrasse gesessen habe, unglaublich. Naja, das ist irgendwie kein Wunder, da meine Haut ungefähr zwei Jahre kein Sonnenlicht mehr gesehen hat – wegen meines schlechten Timings, immer dann auf der verregneten Insel gewesen zu sein, wenn es in Deutschland schön warm war.
Morgen geht’s jedenfalls wieder an die Arbeit, die mir dank dieses äußerst hilfreichen Tools von nun an umso leichter fallen dürfte: Der Web Economy Bullshit Generator würfelt einem so oft man will Wortkombinationen zusammen, die garantiert toll klingen und garantiert nichts sagen. So etwa „revolutionize proactive experiences“ oder „envisioneer dynamic channels“ Einfach prima und unerlässlich für jedes Kreativ-Konzept! Oder wie User Jay B. auf der Seite kommentiert: „Using the Bullshit Generator, we were able to replace our entire marketing staff. Thanks!“
Kart fahren wäre klasse, wenn nur die vielen Kurven nicht wären. Und der Gestank nach verbranntem Gummi, der an einem haften bleibt bis an den Sankt Nimmerleinstag. Und die ganzen testosterongeladenen Jungs, die einen rammen und fahren wie die Henker. Aber genau das soll ja der Spaß an der Sache sein. Am Maifeiertag, der hier kein Feiertag ist, ging’s zum Firmenausflug auf die Rennbahn – zum „bonding“, wie das hier heißt, also um den Teamgeist zu stärken. Von dem war auf der Rennstrecke zwar nicht die leiseste Spur zu erkennen, aber egal (unser IT-Chef wurde gleich zwei Mal disqualifiziert und nennt sich jetzt stolz „Mr. Two Black Flags“). Ich habe also einen tollen schwarz-roten Rennanzug bekommen und einen Helm, mit dem ich total professionell aussah. Für meine erste Runde habe ich drei Minuten gebraucht, dann nur noch knapp 50 Sekunden. Nach zwei Mal einer halben Stunde plus zehn Minuten Training konnte ich dann meine Arme nicht mehr bewegen. Auch nicht so gut für die Gesundheit war, dass die Bremsen meines Karts im zweiten Rennen versagt haben und ich volle Kanne durch eine Mauer gerast bin. Am nächsten Tag konnte ich kaum aus dem Bett aufstehen, weil ich mich wie eine 80-Jährige nach einem Marathon gefühlt habe und übersäht war von blauen Flecken. Ich glaube, das mit dem Kart fahren langt mir jetzt für den Rest meines Lebens. Da fahre ich lieber Corsa und A5.




