Ein neuer Haarschnitt und schon fühlt man sich wie neu. Der superhippe Londoner Stylo-Frisör hat mir für etwa 100 Euro zwar die gleiche Frisur wie mein Kelkheimer Zwölf-Euro-Frisör verpasst, aber was soll’s. Dafür hatte jeder Frisierstuhl einen eigenen Fernseher und das Sektglas hat sich immer wieder wie von selbst aufgefüllt. Und auch beim Makeover und Fotoshooting haben die Jungs und Mädels erstklassige Arbeit geleistet. Vor allem, da am Abend zuvor Whitney Geburstag gefeiert hat und ich mir anschließend die Nacht in unserem Wohnzimmer beim exklusiven Pre-Listening des neuen Nemo-Albums um die Ohren geschlagen habe. Ich dachte also, da ist heute selbst mit viel Mühe nichts mehr zu machen. Aber eine halbe Tonne Farbe im Gesicht wirkt Wunder. Die Fotos bekomme ich leider erst in zwei Wochen und das Copyright von mehr als dreien konnte ich mir auch nicht leisten, aber ich war von dem Ergebnis sehr begeistert. Außerdem habe ich eine Maniküre und ein tolles „Glamour“-Makeup bekommen. Doch nach einer U-Bahn-Fahrt im 35 Grad heißen Tunnel und zwei grauenhaften Stunden im Pub innmitten grölender Spanien-Fans ist heute Abend schon nicht mehr viel übrig von Glamour und Drama.
Dieser Typ ist einfach Wahnsinn und das Video wunderschön. Matt sagt: „14 months in the making, 42 countries, and a cast of thousands. Thanks to everyone who danced with me.“ Am besten sollte man sich das in High Quality auf YouTube oder Vimeo ansehen, damit es richtig wirkt. Das kann man leider nur nicht automatisch so einbinden, sondern muss es manuell auswählen. Lohnt sich aber, versprochen!
Weil mich eine fiese Erkältung dieses Wochenende ans Haus fesselt, nerve ich meine Mitbewohnerin nebenan mit ein bisschen Cello-Metal von Apocalyptica. Wer mich mit Popgedudel reizt, bekommt Metallicas „Master Of Puppets“ gespielt auf vier Cellos als Antwort. Da kann man als Nicht-Fan schon leicht Zahnschmerzen oder nervöse Zuckungen bekommen. Sonst lese ich gerade die Autobiografie von Slash und mache mich auch schon schlau, was mich bei meiner Graduation Ceremony am 16. Juli zu erwarten hat.
Ich muss zum Probe-Ablauf schon eine Stunde vorher da sein und bis dahin auswendig lernen, wann ich wie und wo was machen muss. Wenn man etwa vom Vize-Kanzler der Cardiff University das Zeugnis bekommen hat, heißt es „doff in reply“. Zum Glück gibt’s auch dafür eine Anleitung:
How to ‘doff’: Looking towards the Vice-Chancellor, nod your head slightly and either touch the front peak of your cap or raise it very slightly, using your right hand.
Und so weiter und so fort. Das wird ein Spaß. Naja, ich habe ja noch vier Wochen zum Üben. Nächste Woche gehe ich am Mittwoch erstmal ins Bavarian Beerhouse zum Fußballgucken. Da gibt’s Bedienungen im Dirndl und deutsches Bier aus Maßkrügen. Da müssen wir einfach gewinnen! Am Wochende kommt dann meine Kollegin Francesca aus dem Rom-Office zu Besuch und Whitney feiert Geburtstag. Und wir haben ein Make-Over mit Fotoshooting für ihren Geburtstag gebucht. Vielleicht färbe ich meine Haare lila. Wäre auch inklusive. Also volles Programm – wenn ich trotz Apocalyptica-Dröhnung überhaupt eingeladen bin.
Und hier „Master of Puppets“ gespielt auf vier Cellos:
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Die Engländer lieben es ja bekanntlich Schlange zu stehen, sich bei jeder erdenklichen Gelegenheit zu entschuldigen und immer den Anderen vorgehen zu lassen. Auf diesem Schild am Flughafen Heathrow Terminal 5 entschuldigt man sich zum Beispiel, dass gerade mit einer neue Schlangenformation experimentiert wird und das für Unannehmlichkeiten sorgen könnte. Sonst entschuldigt man sich eigentlich immer, wenn man aus dem Aufzug ein- und aussteigt, wenn man nicht weiß, wer als erstes durch die Tür geht, wenn man niest, jemanden anspricht, oder auch wenn man nur aneinander vorbeiläuft, auch wenn man sich nicht berührt. Da kommen am Tag schon einige Sorrys zusammen. Das ist wie ein Reflex, den man nach und nach entwickelt und nicht mehr loswird. Furchtbar nervig.
Sonst lieben die Engländer Schilder, vor allem „No Smoking“ Schilder. Die klebt man überall hin, in den Blumenladen, die Toilette, den Bahnsteig und natürlich an jede freie Ecke eines Pubs – und jeweils im etwa Zehn-Meter-Radius drumherum. Heute habe ich im lokalen Pub „The Station“ auf der Toilette ein Schild mit der folgenden Aufschrift gesehen: „Anyone caught smoking in the toilets will be banned from this pub (we’re not at school anymore, so just go outside)“. Da verstehen sie keinen Spaß, die Engländer, da helfen auch keine Sorrys mehr.
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Seit einigen Tagen bin jetzt auch ich Exildeutsche endlich Besitzer des neuen In Extremo-Albums „Sängerkrieg“. Schon mehr als zehn Jahre bin ich Fan dieser Band, habe alle CDs gekauft, habe sie bei ihrem ersten Konzert in der Frankfurter Batschkapp gesehen, bei dem sie den Laden fast mit ihrer Pyrotechnik-Show abgefackelt haben, wurde schräg angeguckt, als ich sagte, dass ich auf Mittelalter-Metal stehe, und habe sogar dafür gesorgt, dass die Band nun auch ein paar walisische und englische Fans hat (die zwar ein bisschen Angst vor dem Ganzen haben, aber es auch gar nicht so schlecht finden).
Okay, zwischendrin wollten sie ein bisschen nach Rammstein klingen – das war eine kleine Sünde, die ihnen die Fangemeinde noch verziehen hat, als sie das ganz schnell wieder haben sein lassen. Dann kam der Bundesvision Song Contest und Stefan Raab – okay, das war dann manchen Fans zu viel Prostitution, aber auch das kann ich zumindest noch nachvollziehen. Doch dann kam ein Punkt, als ich In Extremo zum ersten Mal abgeschworen habe. Plötzlich musste man als Journalist und Fotograf beim Konzert einen Knechtvertrag unterschreiben, dass die Fotos nur einmal zusammen mit der Rezension abgedruckt werden dürfen und man sich sonst verklagen lassen kann. Das habe weder vorher noch nachher bei irgendeiner Band – und seien es weitaus erfolgreichere Gruppen – erlebt. Dieses Foto darf hier also nur stehen, weil es vor 2006 bei einem kleinen Konzert entstanden ist. Den Fans wurden alle Kameras abgenommen. Und „Das letzte Einhorn“, der Sänger, hat dazu uns Fotografen unauffällig noch den Mittelfinger in die Kamera gehalten. Da habe Schluss gemacht und es hat richtig wehgetan. Aber wie immer, versucht man es irgendwann trotzdem nochmal, die gemeinsame Zeit war doch zu schön.
Jetzt war das neue Album in Deutschland sogar auf Platz Eins. Schon alleine deswegen hätte ich es nicht kaufen sollen. Habe ich aber trotzdem getan. Und sehe im Beileger, dass ich aus rund zehn Liedern wählen und mir In Extremo als Klingelton aufs Handy laden kann – für zwei Euro. Spätestens da hätte ich die CD wieder zurücklegen sollen. Und dann schon wieder Stefan Raab. Diesmal mit der Single „Frei Zu Sein“. Ich hatte gehofft, dass wie so oft, die Single in Wahrheit der schlechteste Song auf der Platte ist. Tatsächlich war er doch der beste – oder sagen wir lieber das kleinste Übel. „Sängerkrieg“, obwohl mit wunderschönem Cover-Artwork ausgestattet, ist das miserableste Album, das In Extremo jemals abgeliefert haben. Es plätschert vollkommen ideenlos dahin, und die Dudelsäcke tröten nur noch als Alibi im Hintergund umher. Kein einziges Lied taugt auch nur zu mehr als einem Zwei-Minuten-Auftritt bei Raabs Idiotenshow. Deutsch zu singen ist ja ohnehin in, deswegen spart man man sich jetzt fast vollkommen das Auswendiglernen von skandinavischen, mittelhochdeutschen oder lateinischen Texten. Man kann es auch ganz simpel übelsten Kommerz nennen.
Naja, für alle zutiefst enttäuschten In Extremo-Fans wie mich, gäbe es ja auch noch Schandmaul zum Beispiel. Deren neues Album „Anderswelt“ war auch in den Charts, und ja, ich habe es trotzdem gekauft. Weil die Band einfach nett ist und so schön an dem Tanderei-Getue festhält. Die bieten auch Klingeltöne fürs Handy an, aber sind dabei wenigstens freundlich. Schandmaul können nach wie vor Songs schreiben und sie musikalisch wunderschön aufbereiten. Wenn ich nur mein deutsches Sprachverständnis im Hirn ausschalten könnte – ich kann einfach nicht mehr hinhören bei diesen Texten, das ist mir schon fast peinlich vor mir selbst: Im schwarzen Turm herrscht sie allein / Ihr Atem rafft die Menschheit hin / Seht die Königin.
So, und jetzt hoffe ich, dass mich erstens In Extremo nicht verklagt wegen dieses Posts (ich habe eine Rechtschutzversicherung aber keinen Nerv auf Papierkrieg), aber zweitens dass das hier Teil irgendeines öden Presseclippings wird – Kategorie Social Media, nationale Blogs, geringer Einfluss, kritische Berichterstattung. Und enttäuschter Fan.
Patriotismus macht viel mehr Spaß, wenn man im Ausland lebt. Und deswegen habe ich mir für die EM eine Deutschlandflagge samt Bundesadler zugelegt. Erst wollte ich sie aus dem Fenster hängen, aber da das nach hinten zu den Bahnschienen rausgeht, sieht das außer den Spatzen im Garten niemand. Also nehme ich sie am Donnerstag mit ins Büro und anschließend in den Pub, um damit ein bisschen anzugeben. Die Engländer sind ja nicht mit dabei und reagieren deswegen grummelig und beschämt zugleich, sobald man auf die EM zu sprechen kommt.

Heute habe ich – schon das dritte Wochenende in Folge! – gedacht: London ist schon verdammt cool. Wir sind den ganzen Tag über den Markt in Spitalfields, im Osten Londons, gewandert, auf der Suche nach einem tollen Outfit für die Graduation Ceremony im Juli. Die Suche war zwar erfolglos, dafür wären wir fast von einer Harley Davidson-Kolonne überfahren worden, die mitten durch den Market gebrettert ist. Bei FairyGothMother konnte ich mir leider nichts leisten, die Handtaschen im Schallplattenformat waren irgendwie unpraktisch und aus dem schönen Jeanskleid kam ich nur mit Taz’ Hilfe wieder raus. Das war also nichts. Fast hätte ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Victim Of The Fucked-Up Fairy“ gekauft, das gab’s aber nur in Pink. Dafür haben die Jungs aus dem Deko-Shop mit dem obigen Schild richtig guten Humor bewiesen. Naja, immerhin habe ich tollen Käse und Brot gekauft, das ist ja auch schon mal etwas Wert in dieser Stadt.




