Faleiry


Der Niedergang des Metalalters
Juni 14, 2008, 12:07
Gespeichert unter: Leben, Medien, Musik | Schlagworte: , ,

Seit einigen Tagen bin jetzt auch ich Exildeutsche endlich Besitzer des neuen In Extremo-Albums “Sängerkrieg”. Schon mehr als zehn Jahre bin ich Fan dieser Band, habe alle CDs gekauft, habe sie bei ihrem ersten Konzert in der Frankfurter Batschkapp gesehen, bei dem sie den Laden fast mit ihrer Pyrotechnik-Show abgefackelt haben, wurde schräg angeguckt, als ich sagte, dass ich auf Mittelalter-Metal stehe, und habe sogar dafür gesorgt, dass die Band nun auch ein paar walisische und englische Fans hat (die zwar ein bisschen Angst vor dem Ganzen haben, aber es auch gar nicht so schlecht finden).

Okay, zwischendrin wollten sie ein bisschen nach Rammstein klingen – das war eine kleine Sünde, die ihnen die Fangemeinde noch verziehen hat, als sie das ganz schnell wieder haben sein lassen. Dann kam der Bundesvision Song Contest und Stefan Raab – okay, das war dann manchen Fans zu viel Prostitution, aber auch das kann ich zumindest noch nachvollziehen. Doch dann kam ein Punkt, als ich In Extremo zum ersten Mal abgeschworen habe. Plötzlich musste man als Journalist und Fotograf beim Konzert einen Knechtvertrag unterschreiben, dass die Fotos nur einmal zusammen mit der Rezension abgedruckt werden dürfen und man sich sonst verklagen lassen kann. Das habe weder vorher noch nachher bei irgendeiner Band – und seien es weitaus erfolgreichere Gruppen – erlebt. Dieses Foto darf hier also nur stehen, weil es vor 2006 bei einem kleinen Konzert entstanden ist. Den Fans wurden alle Kameras abgenommen. Und “Das letzte Einhorn”, der Sänger, hat dazu uns Fotografen unauffällig noch den Mittelfinger in die Kamera gehalten. Da habe Schluss gemacht und es hat richtig wehgetan. Aber wie immer, versucht man es irgendwann trotzdem nochmal, die gemeinsame Zeit war doch zu schön.

Jetzt war das neue Album in Deutschland sogar auf Platz Eins. Schon alleine deswegen hätte ich es nicht kaufen sollen. Habe ich aber trotzdem getan. Und sehe im Beileger, dass ich aus rund zehn Liedern wählen und mir In Extremo als Klingelton aufs Handy laden kann – für zwei Euro. Spätestens da hätte ich die CD wieder zurücklegen sollen. Und dann schon wieder Stefan Raab. Diesmal mit der Single “Frei Zu Sein”. Ich hatte gehofft, dass wie so oft, die Single in Wahrheit der schlechteste Song auf der Platte ist. Tatsächlich war er doch der beste – oder sagen wir lieber das kleinste Übel. “Sängerkrieg”, obwohl mit wunderschönem Cover-Artwork ausgestattet, ist das miserableste Album, das In Extremo jemals abgeliefert haben. Es plätschert vollkommen ideenlos dahin, und die Dudelsäcke tröten nur noch als Alibi im Hintergund umher. Kein einziges Lied taugt auch nur zu mehr als einem Zwei-Minuten-Auftritt bei Raabs Idiotenshow. Deutsch zu singen ist ja ohnehin in, deswegen spart man man sich jetzt fast vollkommen das Auswendiglernen von skandinavischen, mittelhochdeutschen oder lateinischen Texten. Man kann es auch ganz simpel übelsten Kommerz nennen.

Naja, für alle zutiefst enttäuschten In Extremo-Fans wie mich, gäbe es ja auch noch Schandmaul zum Beispiel. Deren neues Album “Anderswelt” war auch in den Charts, und ja, ich habe es trotzdem gekauft. Weil die Band einfach nett ist und so schön an dem Tanderei-Getue festhält. Die bieten auch Klingeltöne fürs Handy an, aber sind dabei wenigstens freundlich. Schandmaul können nach wie vor Songs schreiben und sie musikalisch wunderschön aufbereiten. Wenn ich nur mein deutsches Sprachverständnis im Hirn ausschalten könnte – ich kann einfach nicht mehr hinhören bei diesen Texten, das ist mir schon fast peinlich vor mir selbst: Im schwarzen Turm herrscht sie allein / Ihr Atem rafft die Menschheit hin / Seht die Königin.

So, und jetzt hoffe ich, dass mich erstens In Extremo nicht verklagt wegen dieses Posts (ich habe eine Rechtschutzversicherung aber keinen Nerv auf Papierkrieg), aber zweitens dass das hier Teil irgendeines öden Presseclippings wird – Kategorie Social Media, nationale Blogs, geringer Einfluss, kritische Berichterstattung. Und enttäuschter Fan.


2 Kommentare bis jetzt
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hm. ich habe in extremo immer nur so nebenbei gehört. deine kritik klingt aber sehr glaubwürdig. leider. mit schandmaul hast du auch recht. naja. was soll’s. höre eh fast nur noch weibliche singer- songwriter-mucke. rachel yamagata kann ich sehr empfehlen.

Kommentar von 7an

[...] obwohl ich die Jungs von In Extremo damals derbe niedergemacht habe – und das immer noch zu Recht – muss ich zugeben, dass das Konzert richtig gut war. Was [...]

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