
Da stehe ich letztens morgens um 8:50 Uhr in der Postfiliale und warte, bis der Schalter aufmacht. Und während ich durch die Glasscheibe das Postpersonal sehe, das wiederum die Menschentraube durch die Glasscheibe anstarrt und wartet, bis es Punkt 9 Uhr ist, um ja die Glasscheibe keine Minute zu früh zur Seite zu schieben, fällt mein Blick auf diesen Briefschlitz inmitten der Postfach-Wand. Und ich frage mich, was denn „unrichtig eingelegte Sendungen“ sind. Und ob ich das feine Wort „unrichtig“ jemals zuvor gehört habe. Durch den Schlitz höre ich, wie zwei Postbeamtinnen lautstark den neusten Klatsch austauschen. Ich warte nur darauf, dass sie unrichtig eingelegte Sendungen durch den Schlitz wieder nach draußen auf den Boden werfen. Okay, das Wort „untot“ gibt es ja auch. Und Zombies in gelben Uniformen erscheinen mir auch gerade gar nicht so abwegig.
Um mich auf die Germany’s Next Topmodel-Party heute Abend einzustellen, poste ich heute ein Bild, das mir wahrscheinlich eher peinlich sein sollte. Hier ist Germany’s last year’s second best Topmodel Janina und Way too old and unable to walk in highheels to ever become a Topmodel Faleiry. Erstere ist auf Promo-Tour für das Topmodel-Game, letztere stolpert über den Autogrammstand im Media Markt. Heute Abend halte ich jedenfalls für Kandidatin Sara und hoffe, dass es nach einer rothaarigen Gewinnerin nun auch noch eine weitere Minderheit auf das Dings-Cover schafft.
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Es scheint ja so einfach zu sein, die vermeintliche Underground-Elektro-Szene glücklich zu machen: Man stelle einfach drei Frauen in Uniformen auf die Bühne und lasse die Musik aus dem Laptop kommen. Immerhin hält eine einen Bass in der Hand und die zweite ein Mikrofon. Die dritte versteckt sich hinter einem Deko-Keyboard und zeigt ab und zu ihre Hände, fast wie ein Beweis, dass sie die Tasten nicht berührt. Die so angesagten Chicks on Speed klingen und sehen aus wie Stedwardessen auf Valium – aber die Menge findet es total hip und keinesfalls Mainstream. Der coole und keinesfalls Mainstream-Radiosender Motor FM klingt genauso so, 24 Stunden am Stück.
Zum Glück gab es am heutigen Abend im Kreuzberger Club Lido jedoch auch eine echte Band zu sehen, mit echter Musik und echten Instrumenten und so. Das sind eben jene, die ich hier versucht habe, mit meiner altersschwachen Kamera zu fotografieren: The Dollhouse. Bekannte Gesichter aus London – darunter Anne-Marie und James, Mitbewohner, Freunde und Covent Garden-Busker – in neuer Formation und neuem Sound: Streicher und Popmusik ergibt eine verdammt gute und anspruchsvolle Mischung. Und im Gegensatz zum norwegischen Ken-Klon auf Happy-Pills, der gestern den Eurovision Song Contest gewonnen hat, ist hier die Geige nicht bloß ein lustiges Bühnen-Gimmik.
Auch interessant zu beobachten: Im Publikum „starke“ Frauen mit missglückten Emo-Frisuren und Stewardessen-Uniformen sowie prollige Kerle mit noch missglückteren Rockabilly-Haarschnitten. Ach, irgendwie verliere ich gerade den guten Glauben in den (Musik)-Geschmack der Massen, vor allem in derer, die sich für sehr speziell halten.
Okay, am Hafen von Amsterdam war ich zwar nicht, dafür am Höllenflughafen von Schipol, auf dem man ohne Probleme für einen Marathon trainieren könnte, wenn man wie wir am letzten Gate D87 abfliegt. Irgendwie kam mir Amsterdam klein, menschenleer und provinziell vor – und Fahrradfahrer stehen ja ohnehin auf meiner schwarzen Liste. Ergo: Amsterdam ist einfach nicht mein Ort. Und da ich von der Stadt nichts Besonderes oder Gutes berichten kann, poste ich doch lieber einen Song – meinen Lieblingssong der korsischen Band I Muvrini – „Amsterdam“:
Ich höre immer noch die Helikopter über meinem Haus kreisen. Und die Konvois der Polizei-Sirenen, die hier seit gestern ununterbrochen vorbeifahren. Mit Schlafen wird das also erst einmal nichts. Es war auch echt eine dumme Idee, einen Stein aus dem aufgerissenen Pflaster aufzuheben, als Souvernir und Mitbringsel. Und eine dumme Idee, mit dem schwarzen Block der Mai-Demonstration mitzulaufen, also den schwarz Vermummten, nur weil es eben die richtige Richtung war. Und plötzlich standen wir mittendrin, rechts und links hunderte von Darth Vader-Versionen des Sondereinsatzkommandos, rote Fahnen, Megafone und Polizeitransporter, die die Menge eingekesselt hatten. Dumme Idee eben. Und eigentlich dachte ich, ich könnte einfach nur zusehen, ein bisschen Straßenschlachten-Watching, ein paar Fotos machen und dann wieder heim gehen.
Am Mittag hatte ich noch auf dem Myfest in Kreuzberg Ein-Euro-Bier getrunken und eine Girls-Metal-Band angesehen, gemütlich in der Kneipe gesessen. Ein Foto gemacht von einem trüben Döner-Verkäufer, der ein „Ich lebe jetzt“-T-Shirt anhatte. Doch dann bin ich plötzlich doch irgendwie in der Demo gelandet, den Schuss gehört, ein paar Explosionen, und dann bin ich nur noch gerannt. Zum Glück hat uns eine nette Frau in ihren Hinterhof gelassen, den wir im Vorbeirennen fast übersehen hätten: „Kommt hier rein, schnell, mach die Tür zu!“ Wie im Film. Da haben wir dann verharrt, bis der Mob und die Polizei vorbeigezogen waren, den blöden Stein immer noch in der Tasche und die Bierflasche noch in der Hand. In diesen Minuten hat die Polizei gerade einen Demonstranten aufs Übelste niedergeprügelt, erzählt mir ein Freund später, der in all der Panik in einen Blumenkübel gesprungen ist. Fotos zu machen habe ich mich dann gar nicht mehr getraut – eine Fotostrecke und Videos hat aber Spiegel Online: „Krawalle erschüttern Kreuzberg“. Das war also mein erster 1. Mai in Berlin. Ein Abenteuer war es jedenfalls.





