Ich höre immer noch die Helikopter über meinem Haus kreisen. Und die Konvois der Polizei-Sirenen, die hier seit gestern ununterbrochen vorbeifahren. Mit Schlafen wird das also erst einmal nichts. Es war auch echt eine dumme Idee, einen Stein aus dem aufgerissenen Pflaster aufzuheben, als Souvernir und Mitbringsel. Und eine dumme Idee, mit dem schwarzen Block der Mai-Demonstration mitzulaufen, also den schwarz Vermummten, nur weil es eben die richtige Richtung war. Und plötzlich standen wir mittendrin, rechts und links hunderte von Darth Vader-Versionen des Sondereinsatzkommandos, rote Fahnen, Megafone und Polizeitransporter, die die Menge eingekesselt hatten. Dumme Idee eben. Und eigentlich dachte ich, ich könnte einfach nur zusehen, ein bisschen Straßenschlachten-Watching, ein paar Fotos machen und dann wieder heim gehen.
Am Mittag hatte ich noch auf dem Myfest in Kreuzberg Ein-Euro-Bier getrunken und eine Girls-Metal-Band angesehen, gemütlich in der Kneipe gesessen. Ein Foto gemacht von einem trüben Döner-Verkäufer, der ein „Ich lebe jetzt“-T-Shirt anhatte. Doch dann bin ich plötzlich doch irgendwie in der Demo gelandet, den Schuss gehört, ein paar Explosionen, und dann bin ich nur noch gerannt. Zum Glück hat uns eine nette Frau in ihren Hinterhof gelassen, den wir im Vorbeirennen fast übersehen hätten: „Kommt hier rein, schnell, mach die Tür zu!“ Wie im Film. Da haben wir dann verharrt, bis der Mob und die Polizei vorbeigezogen waren, den blöden Stein immer noch in der Tasche und die Bierflasche noch in der Hand. In diesen Minuten hat die Polizei gerade einen Demonstranten aufs Übelste niedergeprügelt, erzählt mir ein Freund später, der in all der Panik in einen Blumenkübel gesprungen ist. Fotos zu machen habe ich mich dann gar nicht mehr getraut – eine Fotostrecke und Videos hat aber Spiegel Online: „Krawalle erschüttern Kreuzberg“. Das war also mein erster 1. Mai in Berlin. Ein Abenteuer war es jedenfalls.
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