Faleiry


Cultural Madness
1. Juni 2009, 20:40
Gespeichert unter: Berlin, Leben | Schlagworte: ,

Wenn mann morgens um sechs nach dem längsten Arbeitstag, den man haben kann – 24 Stunden – von der Firmen-Sommerparty nach Hause kommt, will man nicht wirklich feststellen, dass genau vor seinem Haus über Nacht ein Kinderkarrussel aufgebaut worden ist. Und eine Weltmusik-Bühne, ungefähr sechs Cocktailstände und diverse andere Attraktionen. Doch das böse Erwachsen kommt erst dann, wenn zwei Stunden später, um acht Uhr morgens der Soundcheck beginnt – mit Whitfields „Saturday Night“ und anderen vergleichbar haarsträubenden Karrussel-Hits der Neunziger. Spätestens ab diesem Zeitpunkt habe ich bereut, zufällig genau in das Epizentrum des Berliner Karnevals der Kulturen gezogen zu sein. Selbst mit Ohrstöpseln waren die afrikanischen Trommelgruppen nicht zu überhören. Da lobe ich mir doch die gesitteten Mainzer und Köllner mit ihren „Da simmer dabei…!“ und „Helau!“-Rufen. Da landen wenigstens zur Wiedergutmachung für die Lärmbelästigung noch ein paar Bonbons auf den Balkonen der Anwohner.

Schlau und naheliegend also, dass man sich übers Wochenende absetzt und stattdessen ein bisschen Kunst zu Gemüte führt. Da hat man wenigstens das Gefühl, sich wirklich kulturell ein wenig fortzubilden. Etwa beim Betrachten von einer zwölfteiligen Bilderserie von Cy Twombly zur Seeschlacht von Lepanto. Und für solche Leute, die auch nach intensivem Hinstarren immer noch nicht verstehen, was uns denn der Künstler mit all den wirren Strichen sagen will, für den hat der Audioführer glatt eine Erklärung parat: „Aus der allegorisch überhöhenden Historienmalerei ist die expressiv selbstbefragende Darstellung einer existenziellen Schlacht geworden.“ Schade nur, dass der Satz zum Twittern zu lang war.


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